Die geschichtliche Entwicklung

Die geschichtliche Entwicklung der evangelischen Kirchengemeinde in Gescher

Die neuere Geschichte der evangelischen Gemeinde in der ursprünglich katholischen Stadt Gescher beginnt eigentlich erst nach dem zweiten Weltkrieg, als Pastor Heering als erster Pfarrer nach Gescher kam.

Die erste Erwähnung des Ortsnamens Gescher in der Geschichte der evangelischen Kirche im westlichen Münsterland findet sich im Jahr 1864: evangelische Christen: keine. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es zwar im Amt Gescher Evangelische in wechselnder Anzahl vor allem in Hochmoor, zusammenhängend mit dem dortigen Torfabbau. Hauptsächlich waren es Holländer und Optanten (auswanderungswillige, arbeitssuchende Menschen) aus dem Osten, die aber seelsorgerisch von Coesfeld betreut wurden. 1928 wurden 50 Evangelische gezählt, 1939 lebten noch 25 im Amt Gescher, für die im Oktober der erste evangelische Gottesdienst in der Turnhalle vom Hofprediger Kirchhoff aus Coesfeld gehalten wurde. Zum Ende des zweiten Weltkrieges löste sich die Gemeinde weitgehend auf, die älteren starben, jüngere fielen an der Front oder heirateten weg, andere siedelten woanders. Nach mündlicher Überlieferung waren es zum Kriegsende noch zwei Personen: ein Polizist namens Ewald und Frau Ottilie Hüesker, Frau des Glockengießers Hans Hüesker. Sie war es auch, die Ende 1939 der kleinen Schar der Evangelischen - da der Gottesdienst von Coesfeld entfiel - eine Zusammenkunft in ihren Privaträumen ermöglichte.

Mit dem Zustrom der Aussiedler, der nach 1945 auch Gescher erreichte und zuletzt mit 1800 Personen immerhin 16% der Bevölkerung ausmachte, siedelten sich auch viele evangelische Christen im Amt Gescher an. 1946 waren es bereits 1000, die seelsorgerisch betreut werden mussten. Bis 1950 reduzierte sich diese Zahl auf ca. 800. Heute sind es 1996. Aber auch hier muss angemerkt werden, dass der Zustrom aus den östlichen Regionen einen erheblichen Anteil ausmacht. Nahezu jedes evangelische Gemeindeglied über 65 Jahre wurde nicht in Gescher geboren und hat einen Migrationshintergrund.

Zurück zu den Anfängen. Im März 1945 nahm Militärpfarrer Heering, der nach eigener Darstellung mit dem Kriegslazarett 2/613 nach Gescher abkommandiert war, für sechs Monate seine Tätigkeit auf. Er war es, der auf Wunsch der wenigen in Gescher noch vorhandenen evangelischen Christen (es waren noch einige aus dem Ruhrgebiet ausgebombte Familien dazugekommen) die ersten Gottesdienste abhielt. Die Raumfrage wurde wie schon vor dem Kriege von Frau Ottilie Hüesker gelöst, die wiederum bereitwillig Räume in ihrer Villa zu Verfügung stellte.

Der erste Gottesdienst fand am Himmelfahrtstag, dem 10. Mai, dann allerdings wegen des schönen Wetters im hüeskerschen Garten mit 12 Personen statt. Von Sonntag zu Sonntag wuchs die Gemeinde, so dass zu Pfingsten schon 30 Personen sich zur Feier des heiligen Abendmahls einfanden. Am 3. Juni fand die erste Konfirmation statt, am 1. Juli die erste Taufe und am 30. Juli der erste Konfirmandenunterricht mit zwei Jungen. Im Oktober 1945 übernahm Pfarrer Wilke die Gemeinde. Seinen Berichten ist zu entnehmen, dass der erste Flüchtlingstransport zur Adventszeit, der zweite am Heiligen Abend in Gescher eintraf. So wurde unter seiner Führung aus der Predigtstätte mit 50 Gottesdienstbesuchern im Verlauf der folgenden Monate eine Gemeinde mit ca. 1000 Seelen und damit von 80 über 100 bis zu 200 Besuchern des Gottesdienstes zu Ostern 1946. Mit weiter steigenden Besucherzahlen, die sich im Hause Hüesker dicht, allzu dicht drängen mussten, verlangte die Raumfrage eine Lösung. Da ein eigener Gottesdienstraum nicht zu beschaffen war, konnten nach Verhandlungen mit dem Dechanten der katholischen St.Pankratiuskirche und der Schulgemeinde Gescher die Gottesdienste ab dem zweiten Sonntag nach Trinitatis (23. Juni) in der Aula der neuen Pankratius-Schule mit über 300 Besuchern gefeiert werden.

Waren auch schon zu dieser Zeit Verhandlungen mit dem Amt Gescher über den Erwerb eines geeigneten Baugeländes im Gange, – an ein Bauvorhaben war wegen des Materialmangels nicht zu denken – dauerte es noch bis ins Jahr 1951, dass die Realisierung eines eigenen Gotteshauses näher rückte. Der damalige Pfarrer Naumann erhielt die Nachricht, dass die amerikanische Sektion des lutherischen Weltbundes 19.000 DM zum Bau einer Diasporakapelle mit 200 Sitzplätzen in Gescher bewilligt hat. Die größere Anzahl der Gemeindeglieder veranlasste Verhandlungen mit der Kirchenleitung. So wurde mit Hilfe der Westfälischen Diasporahilfe letztendlich eine siebenjochige Kapelle mit 310 Sitzplätzen genehmigt

Da die Coesfelder Gesamtgemeinde, zu der Gescher ja noch gehörte, schon ein paar Jahre zuvor ein passendes Baugrundstück am Prozessionsweg hatte erwerben können, wurde alsbald ein Kirchbauverein gegründet, unter dessen Führung 1952 die vorbereitenden Maßnahmen zum Bau unserer Kapelle begannen. Am 28. Juni erfolgte der erste Spatenstich, 14 Tage später die feierliche Grundsteinlegung. In der Urkunde des Grundsteines ist auch die Namensgebung festgehalten: Dem dreieinigen Gott zu Ehren wird diese „Gnadenkirche“ errichtet. Am 2. November desselben Jahres erfolgt unter großer Anteilnahme der Gemeindeglieder und Gescheraner und auswärtiger Honoratioren die feierliche Einweihung. Im November 2002 feierte die Gnadenkirche ihr 50jähriges Bestehen.